Eine politische Liste arbeitet mit klaren Kategorien. Reformen verlaufen dagegen häufig in Zwischenschritten. Der neue Status von Panama und Vietnam zeigt, warum eine Streichung weder als vollständige Entwarnung noch als bedeutungslose Formalität gelesen werden sollte.
10. Oktober 2026 · Lesezeit: ca. 5 Minuten

Was der EU-Rat entschieden hat
Der Rat der Europäischen Union hat am 9. Oktober 2026 Panama und Vietnam von der Liste nicht kooperativer Steuerjurisdiktionen entfernt. Beide wechseln in Anhang II, der laufende Zusammenarbeit und Reformzusagen dokumentiert. Bei beiden stehen neue Überprüfungen durch das OECD Global Forum aus. Nach der Änderung enthält die eigentliche Liste in Anhang I noch acht Jurisdiktionen.
Der Rat begründet Panamas Wechsel unter anderem mit einer Reform eines als schädlich bewerteten Steuerregimes. Vietnam habe nach einer früheren negativen Bewertung Reformen vorgenommen. Die neue Einstufung berücksichtigt diese Schritte und die vorgesehenen Überprüfungen. Sie ist somit eine bestätigte politische Entscheidung mit ausdrücklich benannten offenen Prüfungen.
Die Liste ist ein Instrument der EU zur Förderung steuerlicher Transparenz und guter Steuerpolitik. Sie ist weder eine Rangfolge aller Steuersysteme noch ein abschließendes Urteil über jede wirtschaftliche Tätigkeit in einem Land. Wer aus einem Listeneintrag eine pauschale Aussage über Unternehmen oder Menschen ableitet, verlässt den Aussagebereich des Instruments.
MIYAN-Einordnung: Ein Zwischenstand braucht einen Namen
Die folgenden Überlegungen sind redaktionelle Einordnung. Der Wechsel in eine andere Kategorie kann eine sinnvolle Funktion erfüllen: Reformen werden anerkannt, ohne ihre Wirkung bereits vollständig als geprüft auszugeben. Das setzt voraus, dass die Öffentlichkeit den Unterschied zwischen Zusage, Gesetzesänderung und tatsächlicher Anwendung versteht.
Ein Staat kann eine Regel verändern, bevor Verwaltungen sie zuverlässig umsetzen. Er kann außerdem bessere Auskünfte ermöglichen, ohne dass diese in jedem Fall rechtzeitig eintreffen. Ein politischer Prozess sollte solche Unterschiede sichtbar machen. Andernfalls wird aus der Anerkennung eines Fortschritts leicht die Behauptung, das gesamte Problem sei erledigt.
Das Gegenteil wäre ebenfalls unklug. Würde eine Institution jeden Zwischenschritt ignorieren und ausschließlich endgültige Ergebnisse anerkennen, könnte sie einen wichtigen Reformanreiz verlieren. Ein gutes Verfahren braucht deshalb abgestufte Bewertungen. Die Bedingung ist, dass die nächste Prüfung, ihre Kriterien und die möglichen Folgen klar bleiben.
Transparenz ist mehr als ein öffentlicher Name
Eine Liste verschafft einem Problem Aufmerksamkeit. Sie kann aber nicht allein erklären, welche Informationen fehlen, welche Vorschriften unzureichend sind und was sich konkret ändern muss. Für eine verständliche politische Bewertung sind diese Details entscheidend. Ein Land sollte nicht nur erfahren, dass es beanstandet wird, sondern woran es gemessen wird.
Das gilt ebenso für die Streichung. Welche Reform wurde anerkannt? Welche Voraussetzung ist noch offen? Wie wird geprüft, ob eine neue Regel tatsächlich funktioniert? Eine kurze Erfolgsmeldung beantwortet diese Fragen nicht automatisch. Die Öffentlichkeit benötigt Zugang zur Begründung, damit sie einen politischen Fortschritt selbst einordnen kann.
Eine hypothetische Auskunftsanfrage zeigt die praktische Ebene. Wenn zwei Behörden Informationen über eine grenzüberschreitende Struktur benötigen, zählen Zuständigkeit, Datenqualität und Antwortzeit. Ein neuer Gesetzestext hilft nur, wenn diese Abläufe entsprechend funktionieren. Das Beispiel schildert keinen konkreten Fall in Panama oder Vietnam; es verdeutlicht den Unterschied zwischen formaler Kooperation und nutzbarer Kooperation.
Der Einwand der ungleichen Maßstäbe
Eine politische Liste kann kritisiert werden, wenn ihre Kriterien oder ihr Geltungsbereich ungleich erscheinen. Diese Kritik verdient eine konkrete Antwort. Warum werden bestimmte Jurisdiktionen geprüft? Welche Maßstäbe gelten innerhalb und außerhalb der EU? Werden gleichartige Probleme tatsächlich gleich behandelt? Ohne solche Erklärungen kann das Instrument an Glaubwürdigkeit verlieren.
Aus möglicher Ungleichheit folgt jedoch nicht, dass jede Prüfung wertlos ist. Es wäre ebenso falsch, einen bestehenden Mangel nur deshalb zu ignorieren, weil anderswo weitere Mängel bestehen. Der sinnvolle Maßstab verbindet zwei Aufgaben: erkennbare Probleme bearbeiten und die Gleichmäßigkeit des Verfahrens verbessern.
Für MIYAN liegt die politische Stärke eines solchen Instruments in nachvollziehbaren Regeln. Wenn Kriterien klar sind, können Reformen geplant und Entscheidungen kritisiert werden. Wenn sie unklar bleiben, verschiebt sich die Debatte auf Vermutungen über Einfluss und Macht. Eine belastbare Begründung schützt damit sowohl die prüfende Institution als auch die geprüfte Jurisdiktion.
Anerkennung darf die nächste Prüfung nicht ersetzen
Der neue Status beider Länder zeigt, dass das Verfahren weitergeht. Gerade diese Fortsetzung ist politisch wichtig. Eine anerkannte Reform sollte nicht dazu führen, dass die verbleibenden Aufgaben aus der öffentlichen Aufmerksamkeit verschwinden. Ein Zwischenstand verdient ein verständliches Datum und eine Erklärung der offenen Punkte.
Dabei sind Verzögerungen nicht automatisch ein Zeichen böser Absicht. Eine Prüfung kann Zeit benötigen, weil Daten beschafft, Verfahren getestet oder Zuständigkeiten geklärt werden müssen. Entscheidend ist, ob der Zeitbedarf begründet und der Fortschritt überprüfbar bleibt. Ein offenes Ende ohne klare Verantwortung wäre eine andere Situation.
Auch die Sprache sollte diesen Unterschied tragen. „Von der Liste entfernt“ beschreibt eine Entscheidung. „Alle Probleme behoben“ wäre eine umfassendere Aussage, die zusätzliche Belege verlangt. Eine genaue Berichterstattung muss diese Ebenen auseinanderhalten, selbst wenn die kürzere Formel attraktiver klingt. Das ist keine übertriebene Vorsicht, sondern die Voraussetzung eines verständlichen politischen Zwischenstands.
Was Bürgerinnen und Bürger daraus ableiten können
Die Debatte über Steuerkooperation betrifft die Verlässlichkeit öffentlicher Regeln. Sie sollte aber nicht in vorschnelle Einzelurteile umschlagen. Der Status einer Jurisdiktion beantwortet keine konkrete Steuerfrage einer Person oder eines Unternehmens. Dazu braucht es die einschlägigen Regeln und eine Prüfung der jeweiligen Situation.
Auf politischer Ebene lassen sich dagegen klare Fragen stellen. Kann der Rat seine Kriterien verständlich erläutern? Sind Reformzusagen öffentlich nachvollziehbar? Werden Ergebnisse später überprüft? Gibt es erkennbare Konsequenzen, wenn Zusagen nicht erfüllt werden? Diese Fragen machen aus einer Schlagzeile eine überprüfbare institutionelle Aufgabe.
Auch wirtschaftliche Beziehungen sollten nicht allein anhand eines Etiketts bewertet werden. Eine Liste kann Risiken sichtbar machen, ist aber kein Ersatz für konkrete Informationen. Die Genauigkeit des Instruments steigt nicht dadurch, dass ihm mehr Aussagekraft zugeschrieben wird, als es tatsächlich besitzt.
Ein sinnvoller Fortschritt bleibt überprüfbar
MIYAN bewertet die Abstufung zwischen Nichtkooperation und weiterer Beobachtung grundsätzlich als nachvollziehbare Verfahrensidee. Sie kann Anerkennung mit fortgesetzter Kontrolle verbinden. Ob sie überzeugend funktioniert, zeigt sich an den kommenden Prüfungen und an der tatsächlichen Anwendung der Reformen.
Der aktuelle Vorgang ist daher eine Nachricht über einen Fortschritt im Verfahren, nicht über dessen Ende. Eine gute politische Liste kann Bewegung erzeugen. Ihre Glaubwürdigkeit hängt aber davon ab, ob nach dem sichtbaren Wechsel auch die weniger sichtbare Arbeit zuverlässig weitergeht.
Sources and Transparency
EU-Rat: Aktualisierung der Steuerliste, 9.10.2026
Quellenstand: 10. Oktober 2026. Bestätigte Angaben, Aussagen der Quellen und MIYANs eigene Einordnung sind im Text getrennt. Hypothetische Beispiele beschreiben keine realen Einzelfälle.



