Das Bild vom Reisen wird häufig durch weit entfernte Ziele geprägt. Der überwiegende Teil der tatsächlich erfassten Reisen führt jedoch innerhalb Europas oder im eigenen Land an ein anderes Ziel. Die neue Eurostat-Veröffentlichung bietet Anlass, Nähe als eigene Form der Mobilität ernst zu nehmen.
10. Oktober 2026 · Lesezeit: ca. 5 Minuten

Was die neuen Daten zeigen
Eurostat veröffentlichte am 9. Oktober 2026 Zahlen für das Jahr 2025. Bewohnerinnen und Bewohner der EU unternahmen demnach 1,20 Milliarden private und berufliche Reisen, 1,4 Prozent mehr als 2024. Rund 70 Prozent waren Reisen innerhalb des eigenen Landes, weitere 22 Prozent führten in einen anderen EU-Staat. Insgesamt blieben somit 92 Prozent innerhalb der EU.
Diese Zahlen zählen Reisen, nicht unterschiedliche Personen. Wer mehrfach unterwegs war, erscheint entsprechend mehrfach. Außerdem sind private und berufliche Reisen enthalten. Aus dem Gesamtwert lässt sich daher weder der Anteil der Bevölkerung ableiten, der Urlaub machte, noch die Qualität ihrer Erholung. Die Veröffentlichung beschreibt eine Verteilung von Wegen und Ausgaben, keine Befragung über das Glück des Reisens.
Eurostat stellt außerdem fest, dass die Gesamtausgaben bei Auslandsreisen höher lagen als bei Inlandsreisen, obwohl die Inlandsreisen zahlreicher waren. Das ist ein Unterschied zwischen Zahl und finanzieller Größenordnung. Er erklärt ohne weitere Informationen weder einzelne Reisebudgets noch die Gründe für die Wahl eines Ziels.
MIYAN-Einordnung: Nähe ist kein Ersatzprogramm
Die folgenden Überlegungen sind redaktionelle Einordnung. Eine Reise in der Nähe sollte aus unserer Sicht nicht automatisch als bescheidene Version einer eigentlich erwünschten Fernreise betrachtet werden. Sie kann ein eigenständiger Plan sein: ein Besuch, eine neue Landschaft, ein kurzer Wechsel des Alltags oder eine Begegnung, für die kein langer Weg nötig ist.
Gleichzeitig wäre es falsch, Nähe pauschal als freie Entscheidung zu romantisieren. Zeit, Geld, Betreuungspflichten oder gesundheitliche Voraussetzungen können die Auswahl begrenzen. Zwei Menschen können dasselbe Ziel wählen und dafür völlig unterschiedliche Gründe haben. Eine räumliche Statistik enthält diese Motive nicht.
Das macht die Veröffentlichung interessant, aber auch begrenzt. Sie widerspricht einem einseitigen Bild des Reisens als fortlaufender Bewegung zu weit entfernten Orten. Sie belegt jedoch keine allgemeine kulturelle Wende. Für eine solche Aussage müssten Einstellungen und Entscheidungsgründe zusätzlich untersucht werden.
Wegeketten entscheiden über Erreichbarkeit
Ein Ziel kann auf der Karte nahe liegen und im Alltag schwierig erreichbar sein. Die Strecke von der Wohnung zum Bahnhof, ein Umstieg und der letzte Abschnitt zur Unterkunft gehören zur Reise ebenso wie die Hauptverbindung. Wer nur diese Hauptverbindung betrachtet, kann wichtige Hindernisse übersehen.
Ein hypothetischer Wochenendausflug zeigt das Problem. Eine Bahnverbindung führt schnell in eine benachbarte Region, doch am Ziel fährt der letzte Bus früh zurück. Für eine Person ohne Auto verkürzt sich der nutzbare Aufenthalt stark. Das Beispiel beschreibt keinen bestimmten Ort. Es macht deutlich, dass räumliche Nähe und praktische Zugänglichkeit nicht dasselbe sind.
Barrierefreiheit muss ebenfalls über die gesamte Strecke betrachtet werden. Ein zugänglicher Zug genügt nicht, wenn Informationen unlesbar sind oder der Weg zur Unterkunft nicht genutzt werden kann. Gute Reiseangebote benötigen deshalb verlässliche Angaben zu ihren einzelnen Teilen. Freundliche Werbung kann diese Informationen nicht ersetzen.
Zeit kann wichtiger sein als Entfernung
Eine kurze Reise soll häufig in einen engen Alltag passen. Wenn Planung, Anfahrt und Rückkehr fast den gesamten verfügbaren Zeitraum beanspruchen, bleibt wenig Raum für den eigentlichen Aufenthalt. Ein nahes Ziel kann dadurch an Attraktivität verlieren, obwohl es geografisch günstig liegt.
Umgekehrt kann ein gut erreichbarer Ort einen spürbaren Wechsel ermöglichen, ohne umfangreiche Vorbereitung zu verlangen. Für MIYAN liegt darin ein eigener Wert: Erholung muss nicht erst beginnen, wenn eine besondere Entfernung erreicht ist. Sie kann auch darin liegen, einen anderen Tagesrhythmus zu erleben und vertraute Verpflichtungen vorübergehend zu unterbrechen.
Diese Überlegung ist keine Aussage darüber, welche Reiseform gesundheitlich überlegen wäre. Sie beschreibt ein mögliches Bedürfnis. Menschen erholen sich unterschiedlich und benötigen unterschiedliche Bedingungen. Eine gute gesellschaftliche Debatte lässt dafür Raum, ohne aus der Reiseplanung einen weiteren Wettbewerb um die richtige Lebensführung zu machen.
Das Gegenargument: Manche Begegnungen brauchen weite Wege
Nähe kann nicht jedes Reiseziel ersetzen. Familien leben in verschiedenen Ländern, berufliche Aufgaben verlangen Präsenz und manche Landschaften oder kulturellen Erfahrungen sind an einen bestimmten Ort gebunden. Eine pauschale Abwertung weiter Reisen würde diese Lebenswirklichkeit ausblenden.
Gerade für Menschen mit grenzüberschreitenden Beziehungen ist eine Auslandsreise möglicherweise kein außergewöhnlicher Konsum, sondern Teil des familiären Alltags. Auch hier sind die Motive in der Statistik nicht direkt sichtbar. Die Bezeichnung „Auslandsreise“ kann sehr unterschiedliche Situationen zusammenfassen.
Der sinnvolle Maßstab ist deshalb eine begründete Wahl. Welche Begegnung oder Erfahrung ist gewünscht? Welche Wege sind dafür notwendig? Was lässt sich im verfügbaren Zeitraum gut gestalten? Diese Fragen sind hilfreicher als ein moralisches Etikett für Nähe oder Ferne. Sie respektieren zugleich, dass nicht alle Menschen dieselben Möglichkeiten haben.
Auch nahe Reiseziele brauchen Rücksicht
Ein Ort wird nicht automatisch weniger belastet, weil die Gäste aus dem eigenen Land kommen. Entscheidend können die Zahl der Besucher, die Jahreszeit und die örtliche Infrastruktur sein. Diese mögliche Belastung lässt sich aus der Eurostat-Verteilung allein nicht beziffern. Sie verdient aber Aufmerksamkeit bei der Gestaltung konkreter Angebote.
Aus redaktioneller Sicht sollten regionale Reiseangebote deshalb auch die Perspektive der Bewohnerinnen und Bewohner berücksichtigen. Welche Wege werden gemeinsam genutzt? Sind Einrichtungen dauerhaft verfügbar oder vor allem auf kurze Spitzen ausgerichtet? Werden Leistungen so gestaltet, dass Gäste und Ortsansässige profitieren können?
Eine Reise in der Nähe kann lokale wirtschaftliche Verbindungen stärken. Sie kann aber ebenso Druck erzeugen, wenn viele Menschen gleichzeitig dieselben Ziele wählen. Der Nutzen hängt von der konkreten Organisation ab. Das Wort „regional“ ist daher ein Ausgangspunkt für Fragen, kein vollständiger Qualitätsnachweis.
Was die Statistik sinnvoll verändert
Die neue Veröffentlichung macht alltägliche Mobilität sichtbar, die in spektakulären Reisebildern leicht untergeht. Sie zeigt, dass Reisen innerhalb des eigenen Landes und der EU einen großen Teil der erfassten Wege ausmachen. Ihre gesellschaftliche Bedeutung verdient eine Infrastruktur, die auch kurze und gewöhnliche Reisen zuverlässig ermöglicht.
Für MIYAN gehört dazu eine breitere Vorstellung von einem gelungenen Aufenthalt. Ein Ziel muss nicht fern sein, um bedeutsam zu werden. Es muss erreichbar sein, zum Anlass passen und genug Raum für die gewünschte Begegnung lassen. Wo das gelingt, wird Nähe zu einer eigenen Möglichkeit – ohne die Vielfalt anderer Reisebedürfnisse zu verkleinern.
Quellen und Transparenz
Eurostat: Reisen von EU-Bewohnern, 9.10.2026; Berichtsjahr 2025
Quellenstand: 10. Oktober 2026. Bestätigte Angaben, Aussagen der Quellen und MIYANs eigene Einordnung sind im Text getrennt. Hypothetische Beispiele beschreiben keine realen Einzelfälle.



